Sucht- und Abhängigkeitsdynamiken

Bei der Entstehung von Abhängigkeit spielen viele Faktoren eine Rolle. Sowohl körperliche, als auch psychische Sucht lassen hierbei die gleiche innere Dynamik erkennen, die von allgemeiner Unfreiheit und zunehmender Destruktivität gekennzeichnet ist. Die innere Suchtbereitschaft auf der einen, das Potenzial des Suchtstoffs/ -objekts auf der anderen Seite, bilden den Boden, auf dem eine sich selbst nährende Abhängigkeitsspirale entstehen kann, die das Wesen des Konsumenten mehr und mehr bestimmt und der Selbstbestimmung beraubt.

Auch unser soziales Umfeld wirkt mitentscheidend auf die Entstehung dieser Dynamik. Die ungeschriebenen Regeln und Gesetze innerhalb des Freundeskreises und der Familie bestimmen bewusst oder unterbewusst das für uns Menschen überlebensnotwendige Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe und Sippe. Phänomene wie Gruppenzwang, Coabhängigkeit und andere systemische Dynamiken zeigen deutlich auf, welch starken Einfluss das soziale Gefüge auf uns hat. Eine von Liebe und Klarheit geprägte intakte familiäre und gesellschaftliche Struktur stellt zwar keinen Garant für einen gesunden Umgang mit dem Thema Abhängigkeit dar, kann sich aber doch als stützender „Fels in der Brandung“ erweisen.

In Zeiten schweren emotionalen Leidens oder starker körperlicher Schmerzen, nach dem Verlust von Angehörigen oder angesichts scheinbar unlösbarer Probleme wird die Funktionalität von Suchtstoffen besonders deutlich. Arzneimittel oder Barbiturate erweisen sich oft als einziger Trost und Balsam und können zumindest vorübergehend vergessen machen. In (einer) seiner Rolle(n) als „Überdruckventil“ leistet besonders der Alkohol seit Jahrhunderten im persönlichen und gesellschaftlichen Rahmen seinen Dienst.

Gras, Kokain und vollsynthetische Drogen sind darüber hinaus längst fester Bestandteil von Lifestyle und Clubkultur einer breiten Bevölkerungsschicht im jungen und mittleren Alter. Partys und Festivals mit dem allgegenwärtigen elektronischen Techno(Heart)Beat und kollektiver Trance bekommen hier mitunter durchaus rituellen Charakter. War der Konsum von Rauschmitteln in der menschlichen Stammesgeschichte jedoch zumeist religiös geprägt und im Einklang mit den gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, zeichnet sich der gegenwärtige Umgang mit potentiell bewusstseinserweiternden Substanzen vor allem durch exzessiven, multitoxischen Missbrauch und zunehmende Unfreiheit der Konsumenten aus.

In diesem Zusammenhang beschreibt der Begriff der bewussten oder auch unbewussten "spirituellen Suche" einen weiteren Aspekt von Sucht. Exzessiver Konsum, Fernsehen und auch Internet können dabei ebenso wie Cannabis, Psychedelica und Alkohol dazu dienen, der hiesigen Welt zu entfliehen oder tiefe Löcher innerer Sinnlosigkeit und Leere zu stopfen. Wiewohl diese Herangehensweise zeitweilige und vorübergehende Wirkung zeigt und man bestimmten drogeninduzierten Erfahrungen keineswegs einen spirituellen Charakter absprechen kann, können sie jedoch eine klare und bodenständige Auseinandersetzung mit der eigenen Spiritualität und dem eigenen inneren Wesen nicht ersetzen.

Abhängigkeit, Sucht und Drogen sind kulturgeschichtlich nicht neu, aber dennoch als zeitgenössisches Phänomen durchaus von hoher Brisanz und bezeichnend für die Zeit in der wir leben. Am Ende werden gesellschaftliche Themen immer nur von der Gemeinschaft gelöst werden können. Dennoch liegt es in der Verantwortung des Einzelnen, mit diesem Phänomen konstruktiv umzugehen und im eigenen Prozess persönliche Lösungsstrategien zu entwickeln, auch wenn das bedeutet aus dem konsumorientierten Strom und Trend unserer Zeit herauszutreten.